Was ist ein Zettelkasten?

Ein Zettelkasten ist eine Sammlung von Zetteln. Den meisten ist ein physischer Zettelkasten noch als Bibliothekskatalog bekannt. Dort werden auf Karteikarten die bibliographischen Daten der Werke in der Bibliothek erfasst, also Titel, Autor, Jahr, Stichwörter, eine Kurzzusammenfassung usw. Außerdem natürlich Informationen zum Standort in der Bibliothek.

In der Wissenschaft dient ein Zettelkasten oftmals dazu Zitate und Fundstellen zu sammeln und diese systematisch zu verschlagworten. Damit ist es relativ einfach, passende Literatur zu einem Thema zu finden, in dem man alle relevanten Zettel zu einem Thema auswertet.

Der bekanntestes Zettelkasten ist sicherlich der von Niklas Luhmann, der unter https://niklas-luhmann-archiv.de/nachlass/zettelkasten beschrieben wird.

Inspiriert von diesem Zettelkasten habe ich angefangen, eine eigene Softwarelösung zu bauen, die meiner Publizierungstoolchain und Arbeitsweise entspricht. Da in der Psychologie sehr viel mit Zitationen gearbeitet wird, habe ich hier vorrangig relevante Textstellen samt bibliographischen Angaben erfasst und verschlagwortet.

Durch konsequentes »verzetteln« von relevanten Textstellen beim exzerpieren entsteht so eine thematisch sortierte Wissensdatenbank, die zum Schreiben eigener Werke genutzt werden kann.

Arbeitsweise mit den Zetteln

Beim Literaturstudium werden als relevant bewertete Textstellen (z.B. Definitionen/Explikation oder Studienergebnisse) auf einen Zettel kopiert. Diese geschieht in der Regel wörtlich, um so ein Zitat im Text zu ermöglichen. Sinnhafte Zitate sind aber auch möglich.

Auf einem Zettel werden neben dem wörtlichen Zitat noch ein Titel, die bibliographischen Angaben des Werkes (Titel, Autor, Jahr, Seiten etc.) erfasst. Dazu kommt ein kurzer prägnanter Titel für den Zettel sowie einige Stichwörter, die den Inhalt zusammenfassen.

Beim Schreiben eines neuen Artikels werden alle Zettel mit einem relevanten Stichwort herausgesucht und als Grundgerüst für den neuen Artikel benutzt.

Da mein Zettelkasten rein elektronisch geführt wird, ist eine Anbindung an LaTeX wünschenswert und eine Volltextsuche möglich.

eingesetzte Programme

Die Daten des Zettelkasten werden in eine PostgreSQL-Datenbank erfasst.

Als Benutzerschnittstelle wird eine Webseite mittel Apache und Perl generiert.

Perl dient außerdem dazu, Daten aus der Datenbank auszulesen und in strukturierter Form für das Web auszugeben. Ebenso werden direkt LaTeX-Dateien mittel Perls-Skripte erzeugt.

BibTeX wird genutzt, um die Bibliographie zu pflegen, Biber bzw. BibLaTeX bereiten die Bibliographie dann im finalen Dokument auf.

Kollokationsgraphen – also das Netzwerk von Beziehungen zwischen den einzelnen Zetteln bzw. Stichwörtern - werden mittels GraphViz fdp als SVG generiert.

Suchfunktionen - inklusiver einer Volltextsuche über den gesamten Zettelkasten - sind in PostgreSQL implementiert.

Die Perl-Skripte basieren auf Bibliotheken die ich während meiner Zeit als Software-Entwickler im Forschungsprojekt Russisch-Deutsches Wörterbuch geschrieben habe.

Server-Architektur

Über die Perl-Skripte werden die GUI (CGI.pm) generiert sowie die Abfragen an die Datenbank (DBI-DBD) gesendet und die Ergebnisse nach LaTeX formatiert.

Es existieren einfache Webseiten um Karten zu erfassen, zu suchen, zu sortieren und zu bearbeiten. Es ist möglich eine Karteikarte zu ändern. Dies ist aber nicht der Regelfall und soll nur der Fehlerkorrektur dienen, da eine Karteikarte eigentlich stabil sein soll. Wird eine Karteikarte bearbeitet, wird die Versionsnummer inkrementiert und alle bisherigen Versionen samt Zeitstempel in der Datenbank hinterlegt. Somit ist die gesamte Lebensgeschichte einer Karte in der Datenbank verfügbar.

Mit dem Zettelkasten Dokumente schreiben

Der Workflow wird in folgender Abbildung gezeigt. Die Zitate stehen verschlagwortet in der Datenbank und werden über die Suchfunktion angezeigt und als LaTeX-Code formatiert. Die bibliographischen Angaben stehen in der Bibliographie und werden von LaTeX/BibLaTeX/biber beim Erstellen der PDF aufbereitet.

Die Zitationen werden von Hand aus dem Webinterface kopiert und in die LaTeX-Datei kopiert.

In Sonderfällen wie »Gib mir alle Definitionen von Handlungskompetenz« kann die Abfrage auch direkt über das Perl-Skript erfolgen und die Ergebnisse in eine TeX-Datei geschrieben werden. Da die Zitate aber idR immer in den Kontext eingepasst werden müssen, ergibt dieses Vorgehen selten Sinn.

Workflow der Dokumenten-Toolchain

Eine Exportfunktion des gesamten Zettelkastens nach PDF existiert ebenfalls. Dazu wird jede Karteikarte in A6 gesetzt und es wird ein Stichwortverzeichnis der Schlagworte generiert.

Folgende Abb. zeigt die Karteikarte 1. Sie enthält folgende Daten:

  1. Nummer der Karteikarte (Primärschlüssel) sowie Versionsnummer der Karteikarte
  2. Titel der Karteikarte
  3. Zeitstempel der Erfassung oder letzten Änderung
  4. Textkörper
  5. Quellenangabe
  6. Stichwörter
  7. Fußzeile
Karteikarte 1

Karteikarten erfassen

Karteikarten werden erfasst indem im Textkörper das gewünschte Zitat abgetippt oder eingefügt wird. Danach muss ein Titel vergeben werden und die Quelle bzw. deren Schlüssel aus der Bibliographie ausgewählt und die Seite hinzugefügt werden.

Anschließend werden die Schlagwörter der Karte erfasst.

Nummer der Karte, Version und Zeitstempel werden automatisch von PostgreSQL gesetzt.

Da in der Regel mehr als eine Karte zu einer Quelle erfasst werden, können die Quellenangaben (Bib-Key) und Schlagwörter gespeichert und beim Anlegen einer neuen Karte schon vorbefüllt werden. Das spart Schreibarbeit.

Den Zettelkasten auswerten

Es existiert eine einfache Volltextsuche über den gesamten Datenbank-Inhalt. Damit ist der gesamte Zettelkasten durchsuchbar. Ein Komfort, der analoge Kästen auf Papier nicht bieten.

Darüberhinaus lasse ich sog. Kollokationsgraphen generieren. Dazu werden alle Karteikarten ausgewertet und es werden die Relationen der Schlagwörter erstellt. Die folgene Abbildung zeigt diesen Graphen für das Schlagwort »Kompetenz«. Die gezeigten weiteren Schlagwörter tauchen auf allen Karteikarten auf, die auch das Schlagwort »Kompetenz« enthalten. Der Graph ist als SVG implementiert und ermöglicht es, direkt auf die Schlagwörter zu klicken und zu den jeweiligen Stichwörtern zu gelangen.

Kollokationsgraph Kompetenz

In dieser Graphik wird nur ein vereinfachtes Netzwerk gezeigt. Die interessantesten Informationen lassen sich aus dem Gesamtgraphen der Beziehungen gewinnen, in der alle Schlagwörter mit allen anderen in Relationen gesetzt werden.

Hieraus lässt sich auch die Struktur einese neuen Artikels ableiten.

Hausarbeit zum Zettelkasten

Den Zettelkasten habe ich in einer Hausarbeit im Wissensmanagement vorgestellt und diskutiert.

Hier liegt eine leicht gekürzte öffentliche Version der Arbeit als PDF bereit. Der Inhalt ist immer noch auf dem Stand von 2008, ich habe lediglich einige Korrekturen am LaTeX-Code (scrpage2) vornehmen müssen.

Lokaler Spiegel: Wissensdiffusion.pdf